„In unsere Hände ist er gelegt, der demokratische Staat, in die jedes Einzelnen“, schreibt Thomas Mann 1922. „Die sogenannte Freiheit ist kein Spaß und Vergnügen. Ihr anderer Name lautet Verantwortlichkeit.“ Spricht so noch der Verfasser der „Betrachtungen eines Unpolitischen“? Oder formuliert hier ein lupenreiner Demokrat, was demokratische Gesellschaften heute dringend brauchten?
Kai Sina nimmt die Leser mit auf eine rasante Reise durch das politische Leben, Denken und vor allem Tun Thomas Manns. Während der junge Thomas Mann in einem Porträt Fontanes noch dessen „sozialdemokratische Modernität“ lobte, legen sich mit dem Ersten Weltkrieg Schatten auf Manns Essayistik, resümiert Sina: Thomas Mann, in seiner frühen Zeit ein „unerwartet fortschrittlicher, emanzipativ und ausgesprochen liberal gesinnter Intellektueller“, publiziert 1914 „Gedanken im Kriege“, die nach Sina „in ihrem Nationalismus, Militarismus das Schaurigste sind, was Mann überhaupt geschrieben hat“. Dass auch familiäre Zusammenhänge bis hin zu Notizen der großen Hedwig Pringsheim als Schwiegermutter in Sinas Monografie Eingang finden, ist symptomatisch für den beeindruckend kenntnisreichen und lebhaften Bericht zu Thomas Mann als einem „politischen Aktivisten“.
Dem Forum wird Sina insbesondere einen Eindruck verschaffen vom politischen Wirken Manns während der Exiljahre in der Schweiz und in den USA. Hatte Thomas Mann sich nach dem Ersten Weltkrieg in eine biedermeierliche Welt zurückgezogen, kommt es ab 1926 zur Wendung zur „Real-Politik“. Eine neue „Klar- und Entschiedenheit“ in der Zionismus-Frage werde erkennbar. Sina zeichnet mit fast kriminalistischem Spürsinn nach, dass Mann in den ersten Jahren des Nazi-Staates zwar „Deckung“ gesucht habe, aber auch vor seinem Exil keineswegs ein „Unpolitischer“ gewesen sei. Über den Zionismus – jetzt auch über den politischen – äußert Mann sich 1935 in einem Interview so begeistert, dass der nationalsozialistische Staat ihn ausbürgert. Danach fallen ihm Positionierungen noch leichter. „Zu würdigen ist ein Autor, der sich über Jahrzehnte hinweg öffentlich für Freiheit und Demokratie einsetzte – entschieden, widerständig, nicht selten unter persönlichem Risiko. Im Zentrum des Vortrags steht weniger ein systematisches politisches Denken als eine Praxis der Intervention, die Thomas Manns intellektuelles Selbstverständnis prägt“, kündigt Kai Sina an. Es wird sich unbedingt lohnen, mit Kai Sina den großen Thomas Mann in neuer und politisch höchst aktueller Perspektive zu entdecken.
Kai Sina ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Transatlantische Literaturgeschichte an der Universität Münster. Seine Forschungen führten ihn u.a. nach Chicago und nach Princeton. Ausgezeichnet wurde er mit dem Wissenschaftspreis der Fritz Behrens Stiftung. Gemeinsam mit Hans Rudolf Vaget (Northampton) erarbeitet er derzeit eine Edition der im amerikanischen Exil entstandenen Essays Thomas Manns. Sein kürzlich erschienenes Buch Was gut ist und was böse. Thomas Mann als politischer Aktivist (Berlin 2024) ist daraus hervorgegangen.
Zu dem Vortrag gibt es einen Sektempfang und die Gastronomie serviert ein Zwei-Gang-Menü.
