Essen mit Vortrag: Dr. Philipp Erdmann „Vorsicht Verschwörungstheorie!“

Ein kleiner Blick auf Münsters große Krisen


Sind Krisenzeiten auch Verschwörungszeiten? Unter Eindruck globaler Herausforderungen wie der nunmehr zwei Jahre währenden Corona-Pandemie und des aggressiven Überfalls auf die Ukraine scheinen „Fake News“ und der Glaube an geheime Machenschaften wieder Hochkonjunktur zu haben. Geschichte wird (wieder) zum Argument.



Der Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch auch, dass Verschwörungsmythen seit Jahrhunderten immer wieder Zulauf fanden, mitunter mit tödlichen Folgen. Im 14. Jahrhundert grassierte die erste große Pestwelle. Strafte Gott die Menschen? Oder wurden die Menschen Opfer einer Vergiftung? In Münster fiel der Verdacht wie anderswo schnell auf die Außenseiter in der Stadt, etwa die kleine jüdische Gemeinde. Auch wirtschaftliche Krisen und gesellschaftliche Umbrüche sorgten für Unsicherheit. In der Frühen Neuzeit machten Zeitgenossen vermeintliche Hexen für Unheil verantwortlich.



Ausgerechnet die Aufklärung brachte neue Verschwörungstheorien hervor. Seit jeher versteckten sich neben unerklärlichem Unglück hinter Verschwörungsbehauptungen auch politische Absichten. So lieferten Münsteraner Theologen in den 1870er Jahren mit pseudowissenschaftlichen Hetzschriften die Grundlagen für die damals neuen Formen des Antisemitismus. Nach der Kriegsniederlage 1918 diente die harsche Ablehnung der Friedensbedingungen auch manch politischer Führungskraft in Münster als Argument.



Anhand anschaulicher Beispiele vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert erklärt Dr. Philipp Erdmann, Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stadtarchiv und Lehrbeauftragter an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wie Verschwörungsmythen zwar immer wieder ihre Erscheinung änderten, aber dauerhaft präsent waren. Neben berühmt-berüchtigten stehen auch weniger gut bekannte Episoden wie die Cholerabekämpfung oder Pockenimpfungen des 19. Jahrhunderts im Fokus dieses Vortrags.



Zur Karikatur: Karnevalistische Satire Ende des 19. Jahrhunderts: Wie man sich nicht vor der Cholera zu schützen hat (Herkunft: Stadtarchiv Münster).